Fragment 095

Regen prasselt unaufhörlich in die Nacht hinein, und der kalte Wind greift den Menschen nach. Nicht viele, fast gar keine Lichter erhellen das dunkel, das mich Ummantelt mit seinen schützenden Schatten. In weiter ferne erhellen Stimmen die Stille die sich zähflüssig in meinen Gängen windet. So kalt, es ist so kalt. Eine künstliche Haut beschützt mich ein wenig und lässt die dahin schleichende Zeit vergessen. Wie oft saß ich hier schon und beobachtete die Menschen. Verkrüppelte, Obdachlose, Arbeiter, Behinderte, Intellektuelle, Frauen, Männer, Jugendliche und ihre Schatten. Ich frage mich wann ich endlich alle sechs Milliarden in diesem Leben gesehen habe, jedes einzelne Gesicht sich in meiner Erinnerung eingebrannt hat wie Male bei Aussätzigen. Sterbende Sonnen umschweifen teile meiner Wahrnehmung und verschwinden ins nicht trennbare, zeitlose da sein. Unendlich ihre Existenz. Unzählige Tropfen, immer wieder in dieselbe Richtung, ohne Ausweg, gezwungen durch das Leben dieser Realität. Auch ich beuge mich. Tagtäglich, Monatlich mein ganzes da sein. Körperlich schaffe ich es nicht ihnen zu entfliehen, allein mein Geist ist fähig die Hürden zu bewältigen und in die Schranken zu brechen. Ich bemerke keinen Lärm, keine schreie, keine Kälte mehr, es hat an Bedeutungslosigkeit gewonnen. Im sterbenden Sein, in diesem Moment erfüllt meine Hülle eine ungewollte Bewegung und Zielstrebigkeit. Vergeben durch Wissen und befolgt durch Zwang. Anhalten, weiter schreiten, anhalten, weiter schreiten. Phasen der Mobilität für immer. Unausweichlich. Die Rettung auf kleinen Inseln der Ruhe. Wartend ertrage ich das Menschsein, und stoße Flüche aus meiner selbst. Verwünschungen im Straßenjargon mit gespaltener Zunge, so still, das es meinen Schädel zum Explodieren bringen möchte. Gewalt im inneren Sinne, die durch das schreiben nach Außen dringen will. Für immer.

~ von gabrielstagebuch am Oktober 8, 2007.

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